Die Menschen hinter dem Haus
Die Geschichte der Familie Mozart in der Getreidegasse 9
Wer lebte tatsächlich in diesem Haus, wie lange, und warum eine enge Mietwohnung im dritten Stock der Salzburger Altstadt für die Musikgeschichte von Bedeutung ist.
Die geführte Salzburg-Tour entdecken ↗Leopold und Anna Maria lassen sich nieder
Leopold Mozart, Geiger und Komponist im Dienst des Salzburger Hofes, heiratete Anna Maria Pertl am 21. November 1747. Kurz darauf mietete das Paar Räume im dritten Stock des Gebäudes in der heutigen Getreidegasse 9, das der Familie Hagenauer gehörte – Leopolds Vermietern und Freunden zugleich. Die Wohnung war bescheiden – eine Küche, eine kleine Kammer, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer – nicht gerade prunkvoll, aber zentral an Salzburgs wichtigster Geschäftsstraße gelegen. Hier in diesen Räumen sollte Leopold mit Anna Maria die nächsten 26 Jahre seine Familie großziehen – ein Zeitraum, der zufällig die gesamte Kindheit ihres berühmtesten Sohnes umfasste.
Sieben Kinder, zwei überleben
Zwischen 1747 und 1756 gebar Anna Maria in der Wohnung in der Getreidegasse sieben Kinder. Nur zwei überlebten das Säuglingsalter: Maria Anna, immer Nannerl genannt, geboren 1751, und Wolfgang Amadeus, das jüngste Kind, geboren am 27. Januar 1756. Eine derart hohe Kindersterblichkeit war im Europa des 18. Jahrhunderts gang und gäbe – kein Zeichen besonderen Unglücks für diese eine Familie. Doch sie prägte den Alltag des Haushalts über all die Jahre: Jede Schwangerschaft war ein echtes Risiko, jedes überlebende Kind wurde entsprechend gehütet und geschätzt. Ein im Flur der Wohnung ausgestellter Stammbaum macht dieses Muster anschaulich. Es ist auch ein Grund, warum Leopold, sobald er die musikalische Begabung seiner beiden verbliebenen Kinder erkannte, so früh und so intensiv in ihre Förderung investierte – statt Musik als bloße gesellschaftliche Fertigkeit zu behandeln.
Wolfgangs Geburt und früheste Jahre
Wolfgang Amadeus Mozart wurde am 27. Januar 1756 in der Wohnung im dritten Stock geboren – das siebte und letzte Kind von Leopold und Anna Maria. Leopold schrieb seinem Verleger, um die Geburt anzukündigen; dieser Brief ist erhalten und wird heute in der Kammer der Wohnung ausgestellt. Seine frühesten Jahre verbrachte Wolfgang in ebendiesen wenigen Räumen, lernte Musik vor allem vom Vater, gemeinsam mit Nannerl, die fünf Jahre älter war – und nicht in einer formalen Schule. Leopold baute den gesamten Tagesablauf des Haushalts um die musikalische Ausbildung seiner Kinder herum auf. Mit fünf Jahren soll Wolfgang bereits kleine Stücke komponiert haben; mit sechs hielt Leopold beide Kinder für bereit, den Höfen Europas vorgeführt zu werden – und die Reisejahre der Familie begannen, die Wolfgang schon als kleines Kind für lange Zeit von der Getreidegasse fortführten.
Nannerl: Wunderkind – und dann zurückgelassen
Nannerl war in den 1760er-Jahren zeitweise eine ebenso gefeierte Interpretin wie ihr jüngerer Bruder – das Geschwisterpaar tourte gemeinsam als Wunderkinder und wurde von Leopold an den Höfen Europas präsentiert. Als sie ins heiratsfähige Alter kam, verschloss ihr die Konvention die Türen zu Tournee- und Komponistenkarriere, die Wolfgang offen blieben; sie unterrichtete weiterhin Klavier in Salzburg und heiratete später einen Magistratsbeamten, wobei sie sich weitgehend aus dem öffentlichen Musikleben zurückzog. Sie und Wolfgang blieben bis ins Erwachsenenalter enge Briefpartner – mehrere der in den hinteren Räumen des Museums ausgestellten Schreiben, darunter eines, das seinen anstrengenden Wiener Alltag beschreibt, waren an sie gerichtet. Ihr eigenes musikalisches Talent ist gut dokumentiert, fand aber nie denselben Raum, sich zu entfalten.
Leopolds Rolle: Vater, Lehrer, Manager
Leopold Mozart war für die Karriere seines Sohnes nicht Beiwerk – er war ihr Architekt. Als berufstätiger Violinist und stellvertretender Kapellmeister am Salzburger Hof verfasste er zudem ein vielgenutztes Violin-Lehrwerk, das im selben Jahr erschien, in dem Wolfgang geboren wurde. Er unterrichtete beide Kinder direkt, plante und finanzierte ihre Europatourneen, verhandelte mit Gönnern und lenkte Wolfgangs frühe Karriereentscheidungen bis weit in dessen zwanziger Jahre hinein. Ausgaben von Leopolds eigener Violinschule sind im Wohnzimmer der Wohnung neben den frühen Kompositionen der Kinder ausgestellt – eine Erinnerung daran, dass der musikalische Ernst des Haushalts beim Vater begann, nicht erst beim Wunderkind-Sohn.
Warum das Haus – und warum es zählt
Die Familie verließ die Getreidegasse 9 im Jahr 1773 und zog in größere Räume jenseits der Salzach, als sich ihre finanziellen Verhältnisse besserten – dieses zweite Zuhause, das Tanzmeisterhaus, ist heute das separate Museum Mozart Residence. Das Gebäude in der Getreidegasse selbst wurde 1880 zum Museum und wird seither von der Internationalen Stiftung Mozarteum betrieben. Sein Wert liegt nicht in Pracht – es ist eine enge, schlichte Mietwohnung in einer Kaufmannsgasse –, sondern in Authentizität: Dies sind die tatsächlichen Räume, in denen die Familie eines Hofmusikers lebte, in denen sieben Kinder geboren wurden und fünf starben, und in denen der berühmteste Komponist der abendländischen Musik das Spielen lernte, bevor er schreiben konnte.